W I D E R H A L L - Nr. 59
J a n u a r / F e b r u a r ~ 2 0 1 1 .
Ein privates Weltnetz-Magazin aus Deutschland.
Guten Tag wünscht Karl-Heinz.Heubaum(A)t-online.de
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Michael Winkler

Des Kaisers neue Kleider.

Über die Entartung der Kunst. *)


(Michael Winkler beschreibt für uns die Entartung
von Kunst, Kultur und Architektur. Sie ist wohl
Programm zur Zerstörung althergebrachter Werte. KHH.)

*

Den Anlaß für diesen Text lieferte die neue Synagoge in Mainz. Da wurden Bilder der alten Synagoge
gezeigt (vermutlich bei der Eröffnung der neuen - KHH.), ein eindrucksvoller, ja geradezu Ehrfurcht
gebietender Kuppelbau, der sich wunderbar ins Stadtbild eingefügt hatte. Die neue Synagoge ist
dagegen potthäßlich, sie wirkt, als hätte eine Planierraupe ein paar Trümmer auf einen Haufen
zusammengeschoben. Bilder aus dem Inneren zeigten einen zerhäckselten Raum, in dem das
Sonnenlicht die fehlende Gestaltung ersetzen soll. Dieses Gebäude paßt wunderbar zur neuen Synagoge
München, einem lustlos hingeklatschten Betonklotz, zwar mit Ecken und Kante, doch bar jeder
Ästhetik.

Die Häßlichkeit dieser Synagogen fiel mir jedoch nur deshalb ins Auge, weil diese Gebäude umfassend
im Fernsehen vorgestellt wurden und ich immer aufhorche, wenn ich so beiläufig erfahre, daß diese
tollen Zentren lebendiger jüdischer Gemeinden ausschließlich (sic!) mit dem Geld deutscher
Steuerzahler errichtet worden sind. Ein Monopol auf Häßlichkeit haben diese jüdischen Gebetshäuser
jedoch nicht. Ich gebe zu, Hochhäuser haben durch ihre beeindruckenden Proportionen eine eigene
Ästhetik, mittelgroße und kleinere Gebäude müssen auf diesen Vorteil verzichten. Neue Gebäude, vor
allem "Prestigebauten", zeichnen sich generell durch eine ihnen innewohnende Häßlichkeit aus.

Betrachten wir Deutschlands größtes Reisebüro, das Kanzleramt in Berlin, so stoßen wir auf einen
überdimensionierten Klotz, dessen Größe in keinem Verhältnis zu den Kleingeistern steht, die darin so
tun, als würden sie arbeiten.

Ein paar Kilometer von mir entfernt, in Oberdürrbach, gibt es zwei katholische Kirchen: Eine alte,
anheimelnde, zu klein gewordene, und eine neue, größer, abstoßend, modern und geistlos. Die alte
Kirche vermittelt Gottesnähe und Geborgenheit, die neue ist eher eine Markthalle als ein Ort der
spirituellen Sammlung.

Im zwischenmenschlichen Bereich ist unser ästhetisches Empfinden durchaus intakt. Frauen, die von
Rubens gemalt worden sind, entsprechen vielleicht nicht mehr dem heutigen Schönheitsideal, aber
diese Damen würden mit Sicherheit viel mehr Anklang in der Männerwelt finden, als "Frauen", die ein
Picasso auf der Leinwand verunstaltet hat. Ob männliche oder weibliche Models - die Schönheit ist
durchaus erarbeitet, mit dem, was heutige "Künstler" malen, hat sie trotzdem nichts gemein.

Künstler früherer Jahrhunderte hatten die Nebenaufgabe, ihre Zeit zu dokumentieren. Dafür gibt es
heute Photoapparate und andere technische Hilfsmittel. Diese Künstler haben allerdings ebenso
Impressionen und Visionen gemalt. Leonardo da Vinci war beim letzten Abendmahl nicht dabei,
Michelangelo hat David nie gesehen - und trotzdem haben sie Kunstwerke von Weltgeltung geschaffen.
Ob Fresco oder Computergraphik - das sind Maltechniken, sie bestimmen nicht das, was von
Künstlerhand entsteht.

Unser Kunstempfinden ist relativ einfach: Schön ist, was gefällt. Richtige Kunstwerke gefallen, ohne
umfangreiche Erklärungen, ohne eine "Schulung des Auges". Ja, man kann jede Oper in einem
Schlachthof inszenieren und dabei lebende Rindviecher durch das Bühnenbild treiben. Und natürlich
versteht man Shakespeare erst auf Kisuaheli so richtig, vor allem, wenn der Schauplatz in die Mongolei
verlegt wird. Dem modernen Publikum kann man alles zumuten, und es finden sich bestimmt Kritiker,
die diese Spontaneität der Inszenierung (die Schauspieler sind alle betrunken und haben ihre Texte
vergessen) in den Himmel loben. Das ist nicht verrückt, das ist Kunst, sagt man uns.

Es gibt das Adjektiv "künstlich" - es wird oft im Sinn von "minderwertig" benutzt. Kunstleder ist
billiger und nicht so strapazierfähig wie Naturleder, Kunsthonig ist ein billiger Ersatz für Naturhonig,
künstliche Aromen und künstliche Gene will keiner im Essen haben. Kein Wunder, daß wir heute eine
"künstliche Kunst" erleben. Ja, mir ist bekannt, daß "künstlich" auch im Sinne von "entartet" gebraucht
werden kann. Die Behauptung, daß Kühe durch Beschallung mit Mozart mehr Milch geben sollen,
wird immer wieder mal bewiesen, mal widerlegt. Die Behauptung, daß Säuglinge die Beschallung mit
atonaler Musik oder Zwölfton-Kompositionen nicht als Schlaflieder empfinden, glaube ich unbesehen.

Was veranlaßt einen "Künstler", das Gegenteil dessen zu produzieren, was als schön und ästhetisch
empfunden wird? Es gibt immer zwei Erklärungen: Dummheit und böse Absicht. Das Bild "röhrender
Hirsch auf Waldlichtung" mag zwar gefallen, der künstlerische Anspruch in der photorealistischen
Darstellung ist ebenfalls gegeben, doch die Originalität fehlt. Bei den früheren Kirchenmalern konnte
man ebenfalls nicht auffallen, wenn man die 3.776ste Madonna gemalt hat. Allerdings, wer es gut
konnte, hatte damals bald den Auftrag für Madonna 3.777 erhalten und sein Auskommen gesichert.

Wer aus der Masse der Künstler herausstechen will, muß die Dinge auf neue Weise zeigen. Dabei gibt
es jedoch eine natürliche Grenze: Es ist sehr schwer, unter einer Kompanie von 120 Mann mit sauber
geputzten Stiefeln durch die saubersten Stiefel von allen aufzufallen. War Dürer besser als Tizian?
Breughel besser als van Gogh? Bach besser als Mozart? Da hilft nur der Schritt in eine eigene
Kategorie. William Turner wetteiferte nicht mit Dürer und Tizian, er schuf neue Ausdrucksformen für
die Kunst. Seine Nachfolger gingen dann wieder einen Schritt weiter...

Es gibt jedoch eine Grenze für jeden Künstler. Kennen Sie die Wok-Weltmeisterschaft? Die Idee, mit
einem chinesischen Kochtopf unter dem Hintern eine Bobbahn hinunterzurauschen, ist relativ neu. Sie
hat den Vorteil, daß man nicht mit etablierten Sportlern konkurriert, den olympischen Bobfahrern.
Deren Vorteil des lebenslangen Trainings wird aufgehoben... Wenn ich die "westliche Kunst des
Papierfaltens" für mich entdecke, konkurriere ich nicht mit Bildhauern, die andere Materialien
bearbeiten, und den japanischen Origami-Meistern, denn das sind ja östliche Papierfalter. Da es keine
Konkurrenten gibt, bin ich der größte lebende Künstler des westlichen Papierfaltens... Ich brauche jetzt
nur noch ein paar Kritiker, die den Menschen erklären, was für eine einzigartige Leistung ich mit
meiner Papierfalterei vollbringe, und einen Mäzen, der dafür massenhaft Geld hinlegt.

Jeder Mensch kann nur bis zu einer gewissen Größe wachsen, körperlich und geistig. Mit genügend
Hingabe, mit genügend Übung erlangt jeder auf seinem Gebiet die Meisterschaft. 10,5, 10,4, 10,3
Sekunden auf 100 Meter, das genügt für die Deutsche Meisterschaft, doch der Weltmaßstab sind 9,8,
9,7 oder 9,6 Sekunden. Das sind fast zehn Meter Unterschied, die der Läufer mit den 10,5 Sekunden
trotz aller Mühe und allen Trainingsfleißes nicht aufholen kann.

Diese Grenzen existieren ebenso für Künstler. Von Albrecht Dürer wird die Geschichte erzählt, daß er
bei einem Künstlerwettbewerb einen Kreis gezeichnet hat - einen einfachen, simplen Kreis. Allerdings
einen exakten Kreis, für den jeder Andere einen Zirkel gebraucht hätte. Er hat damit gewonnen, wahre
Meisterschaft demonstriert. Ob auch nur einer der heutigen Künstler oder Architekten dieses
Kunststück wiederholen könnte? Oder auch nur eine gerade Linie ohne Lineal zeichnen?

Wenn ich meine volle Größe erreicht habe und trotzdem meiner Meinung nach nicht groß genug bin,
gibt es ein paar Tricks. Ich erhöhe mich mit Plateau-Sohlen oder stelle mich auf ein Podest, mache
mich also größer als ich bin. Oder ich sorge dafür, daß alle in meiner Nähe auf die Knie fallen, sich
also kleiner machen, als sie sind. Wenn meine königliche Leibwache dafür sorgt, daß sich alle
hinknien, klappt das. Ja, dieser gewaltsame Weg wird heute ebenfalls beschritten, es gibt da ein Volk,
das alle anderen gerne auf den Knien sieht.

Es gibt einen Weg, das zu erreichen, ohne eine königliche Leibwache: den Weg der geistigen
Überlegenheit. Der gefühlten geistigen Überlegenheit, natürlich. Ich male ein Bild, eine richtig üble
Kleckserei, die sogar ich zustande bringe. Jetzt kommt die Marketing-Abteilung ins Spiel, die das zur
Offenbarung erklärt. Oh, das funktioniert, wenn genügend Interessen dahinter stehen.

Der bekannteste Physiker der Welt hat 1905 aus zahlreichen Quellen abgeschrieben, ohne diese zu
nennen. Als sein Name bekannt wurde, verschwand die Genialität schlagartig, erst 1915, als der erste
Weltkrieg die Beobachtung gelockert hatte, kam noch einmal jene inspirierte Genialität zum Vorschein,
die nächsten 40 Jahre war das Genie völlig unproduktiv, aber hochgeehrt.

Sehen Sie des Kaisers tolle Prunkgewänder? Sie müssen die doch sehen, denn wenn Sie diese nicht
sehen, sind Sie entweder dumm oder unfähig in Ihrem Amt. Sie bezeichnen meine Kleckserei als
Kleckserei? Wie stillos und ungebildet! Wo doch zahllose Kritiker meine Werke loben, ich eine
Auszeichnung nach der anderen bekomme und dieser Mist auf Auktionen Millionen erzielt. Und wenn
der Stararchitekt häßliche Synagogen, häßliche Bürogebäude oder häßliche Bahnhöfe entwirft, dann
liegt das nicht daran, daß dieser Herr die Grenzen seines Könnens erreicht hat und nur noch wachsen
kann, indem er sich über das Publikum lustig macht, es also auf die Knie fallen läßt, sondern daran,
daß ich keine Ahnung von moderner Architektur habe.

Ich gehöre halt zu den einfach strukturierten Leuten, denen nicht zu helfen ist. Die Schönheit der
Würzburger Residenz oder die Schönheit der alten Mainzer Synagoge, die habe ich noch verstanden.
Die Schönheit der neuen Mainzer Synagoge oder des Petrini-Baus' in Würzburg geht über mein
Verständnis. Da können mir Architektur-Fachleute noch so intensive Vorträge halten, ich sehe immer
nur den nackten Kaiser herumlaufen. Ich habe während meines Studiums aushilfsweise
Kunstausstellungen bewacht - und verhindert, daß Leute darin ihre Bilder aufhängen. Klauen wollte die
Kunstobjekte keiner, das waren oft genug Bilder in jener Qualität, die man ins Gästezimmer hängt,
wenn die Schwiegermutter nicht allzu lange bleiben soll. Ich habe damals das Mittelalter schätzen
gelernt, jene zivilisierte Zeit, in der man nicht die Bilder aufgehängt hätte, sondern die Künstler.

Oh, ich habe dort auch das Gegenteil erlebt. Ein abstraktes Bild, blauer Hintergrund und eine Menge
quadratischer Farbkleckse darauf. Beim Betrachten mußte ich unwillkürlich lachen - das Bild hatte den
Titel "Freude" und genau diese Emotion bei mir hervorgerufen. Den Namen des Künstlers habe ich mir
leider nicht gemerkt, er gehörte zu den lokalen Größen, nicht zu den gefeierten Weltmalern. Die
Kategorien "schön", "nicht so schön" und "Schwiegermutterabwehrbild" habe ich seit damals
beibehalten.

Kunst kommt von "können", nicht von "wollen", denn sonst würde es "Wunst" heißen. Diesen Spruch
kennen Sie vermutlich ebenfalls. Wünstler gibt es genug, und wer sich an diese Leute dranhängt und sie
fördert, ist ebenfalls so ein Wünstler, denn er betreibt die Kunst, einen Künstler aufzubauen, der alles
ist, bloß kein Könner.

Gerade in der heutigen Zeit wären eindrucksvolle Bauten recht preiswert. Statt Säulen mühevoll von
Steinmetzen behauen zu lassen, gießt man die Dinger in Stahlbeton vor, ob nun dorisch oder Rokoko,
alles kommt fertig aus der Fabrik. Kuppeln, Erker - moderne Baumaterialien lassen jede Verspieltheit
zu. Nüchterne Klötze oder Trümmerteil-Architektur sind unnötig. Außer für Architekten, die, sagen
wir, in ihrer Berufsbezeichnung dringend ein "s" aufnehmen sollten. Immerhin, einen Vorteil haben des
Kaisers neue Kleider: Häßliche Gebäude und Mahnmale, die vom Steuerzahler bezahlt wurden, sind
keine Kulturgüter, sie können jederzeit abgerissen werden. Wobei das vermutlich nicht einmal nötig
wird, wie man an den primitiven Klötzen des Holocaust(TM)-Mahnmals in Berlin sieht, die von ganz
alleine zerbröckeln. Wünstler am Werk... Ach ja, die Kirche von Oberdürrbach wurde auch schon
saniert, die neue, natürlich. Bei der alten ist das nicht nötig.

Die Kunst, die ein Staat produziert, bzw. das, was von einer Gesellschaft als Kunst deklariert wird,
dient als Gradmesser für die Dekadenz. Wenn das "einfache Volk" die Kunst nicht mehr versteht, ist
sie zur Kunst der abgehobenen Oberschicht geworden. Wenn "Künstler" es nötig haben, die Werke der
alten Meister in den Schmutz zu ziehen, dann zeigt dies, daß es mit deren Können nicht weit her ist. Sie
sind nicht fähig, Eigenes zu entwickeln, deshalb beschränken sie sich darauf, Bewährtes zu
interpretieren. Die "Bildungs"-Elite und ihre Schmeichler in den Zeitungen mögen Maler oder
Regisseure hochjubeln, doch jedes Kind sieht, daß der Kaiser keine Kleider anhat.

*

Quelle: www.michaelwinkler.de

*) = Die Überschrift "Die Entartung der Kunst" stammt vom Seitenbetreiber, nicht vom Autor. KHH.
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Abgeschlossen am 10. Januar 2011.
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