W I D E R H A L L - Nr. 64
S e p t e m b e r / O k t o b e r ~ 2 0 1 1 .
Ein privates Weltnetz-Magazin aus Deutschland.
Guten Tag wünscht Karl-Heinz.Heubaum(A)t-online.de
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Den Parteien geht es gar nicht um den/die Menschen!

Hans-Wolff Graf


Vorbemerkung: Dieser Beitrag wird im Anschluß ergänzt
durch die Ausführungen des Herrn Frank Amann mit dem
Titel: "Anmerkungen zur generellen Abschaffung der
politischen Parteien". KHH.

*

Was für Spitzenfunktionäre in der Politik zählt, ist - allen scheinheiligen Beteuerungen zum Trotz -
nicht das Volk, als Summe der jeweils von Entscheidungen betroffenen Bürger und Bürgerinnen,
sondern einzig und allein der Machterhalt und die Interessen der Partei, und darin unterscheiden sich
Rote, Grüne, Schwarze und Gelbe kein Jota. Wer anderes glaubt, hofft oder behauptet, sollte einfach
noch mal in die Kita zurück oder zum Therapeuten.

1776 warnten die Gründerväter der USA und 1789 die Protagonisten der französischen Revolution
davor, den gerade losgewordenen Adel jemals wieder die Macht ergreifen zu lassen. Doch genau dies
geschah - im Kleide der Parteien, verziert mit Emblemen und Stickern wie "christlich", "sozial",
"freiheitlich" oder "demokratisch", und von "Menschlichkeit" und "Gerechtigkeit" faselnd, besetzte der
moderne Politadel die Schalt- und Machtzentralen der jungen Demokratien, um sie - wenig beachtet
von der Bevölkerung, die ja einem ehrbaren Broterwerb nachgehen mußte, - klammheimlich zu
Parteid(a)emokraturen auszugestalten.

Um hierbei möglichst ungestört vorgehen zu können galt es, sich
a) mit dem Sakraladel (der jeweiligen Religion) und
b) dem Geldadel (Banken, Großgrundbesitzern, später den Industriekonzernen)
gutzustellen, die gegenseitigen Interessen auszuloten, Konkordanzen zu schmieden und die
wichtigsten Paraforanden innerhalb eines Hoheitsgebietes - Heer und Münzrecht, Finanz- und
Steuerwesen, Bildung und Rechtswesen, etc. - auszukungeln, zuzuordnen und abzusichern - zu
beiderseitigem Nutzen und Vorteil.

So wenig es - im Altertum, der Neuzeit, dem Mittelalter und nach der Aufklärung - um den einzelnen
Pharao, Kaiser, König, Fürsten, (Erz-)Herzog, Grafen, Baron, Edlen, Papst, Kardinal, (Erz-)Bischof
usf. ging, der durchaus auch benevolent, kultur-afin oder fürsorglich sein konnte, so wenig pauschal
sind alle heutigen Politiker ausschließlich und immer als Parasiten zu sehen. Nur, wer - damals wie
heute - nicht zuvorderst das Interesse der oberen Kaste - früher des Adels, heute der Partei - im Auge
behielt, wurde rasch isoliert und regierte (oder überlebte) nicht lange. Und stets einig zeigten sich die
ansonsten eifersüchtelnden Adelskasten, wenn es um die Abwehr einer sie gesamtheitlich betreffenden
Gefahr ging. Deshalb verbündete man sich früher gegen den nach Westen einfallenden Islam, und
heute beißen die im Bundestag seit Jahrzehnten vertretenen Parteien auch gemeinschaftlich alle
Neuparteien wie die Stuten vom Acker. Warum sich überhaupt neue politische Gruppierungen bilden,
war und ist den Adelskasten nie klar.

Damals wie heute machte sich auch das Bildungsbürgertum - Wissenschaftler und Gelehrte, Historiker
und Dichter, Künstler und Kundatoren (heute: die Medien), Richter und Beamte - nur allzu bereitwillig
zum Büttel der sakralen und säkularen Herrschercliquen, da von deren Tischen reichlich "Brosamen"
fielen - in Form von sicheren Arbeitsplätzen, mannigfachen Vorzügen und Bequemlichkeiten,
Karrieren und Meriten jeglicher Art, vor allem aber üppige Altersappanagen.

Und heute, knapp 235 Jahre (und 10 Generationen später) dämmert allmählich wachsenden Teilen der
Bevölkerungen, die (früher wie heute) de facto nichts zu sagen haben - im antiken Griechenland hießen
sie ‘idiotei’(!) - welches Parasitentum sich da inzwischen breitgemacht hat, das sich ausschließlich von
fremder Arbeit und Leistung nährt. Und sie werden der Schuldenberge gewahr, die diese
Parteid(a)emokraturen - zum eigenen Machtaufbau und -erhalt, aber auf Kosten der Bevölkerung -
aufgetürmt haben.

Noch zwei Tage vor ihrer Verhaftung lud Marie Antoinette zum ‘Singspiel’ nach Versailles; noch zwei
Tage vor dem Mauerfall wurde in Ostberlin am nächsten Fünfjahresplan gearbeitet, während im
Westen die SPD-Troika auf Plakaten ‘die Anerkennung zweier deutscher Staaten’ propagierte. Will
sagen: Die Adelskaste hat sich - früher wie heute - in solch fundamentaler Weise der Bevölkerung
entfremdet, daß sie des (nur seeehr langsam) wachsenden Grolls, der da, weit unter ihren Spielwiesen,
allmählich zu entstehen begann, regelmäßig erst zu spät gewahr wurde. Umso mehr man aber
wachsenden Druck von unten mit brachialer Gewalt (Antiterrorgesetzen, Restriktionen, Überwachung
und Ausforschung, Verboten und Verordnungen) zu begegnen versucht, desto brutaler und dann
unkontrollierbarer bricht sich irgendwann das so angestaute Potential Bahn.

Mal sehen, ob dann Figuren wie unser weinselig-fröhlich schwätzender Brüderle (wie gestern bei
‘Pelzig hält sich’) noch so große Töne spucken.

Die zeitnah vor uns liegenden epochalen Verwerfungen dürften unseren heutigen Politadel ohnehin
zum größten Teil intellektuell wie emotional gründlich überfordern, in jedem Falle aber völlig
überraschen. Aber darum geht es gar nicht, denn jeder Fuchs landet früher oder später beim Kürschner,
und jedes Blendwerk entlarvt sich irgendwann selbst als Lug und Trug. Insofern gehen wir höchst
interessanten und spannenden Zeiten entgegen - der/die eine passiv, der/die andere aktiv!

Hans-Wolff Graf

* *

http://www.zeitreport.de
www.d-perspektive.de

Der Autor - Herr Graf, München - meint in Bezug auf seine Ausführungen: "Gönnen Sie sich vielleicht
den (wie stets) hervorragenden kurzen "Einwurf" aus dem Bankhaus Rott
http://www.rottmeyer.de/schulden-altmeister-im-erregungszustand-2/

* * * * * *

Für Sie gelesen:


Anmerkung zur generellen Abschaffung der politischen Parteien.

Von Frank Amann


Autor des Buches: Simone Weil
Verlag: Diaphanes Verlag, Zürich-Berlin
Preis: Euro 10,00
Umfang: 48 Seiten
ISBN: 978-3-03734-059-2

Wer jemals so naiv war, zu glauben, mit dem Beitritt und der Aktivität in einer politischen Partei sich
selbst und Anderen etwas Gutes zu tun, wird bedauern, daß ihm das nur wenige Seiten umfassende
Büchlein von Simone Weil, das sie bereits 1943 (kurz vor ihrem Tod) schrieb, nicht schon früher in die
Hände fiel. Denn wohl kaum jemand hat je auf so wenigen Seiten derart klar und verständlich
dargelegt, warum das Parteien(un)wesen 'absolut und bedingungslos von Übel ist'. Um das Fazit der
Autorin vorwegzunehmen: "Die Abschaffung der Parteien wäre höchst legitim und scheint in der Praxis
nur gute Wirkungen zeitigen zu können."

Aber der Reihe nach: Weil beschreibt im Wesentlichen die Partei in der Bedeutung, die sie auf dem
europäischen Kontinent hatte und hat. Das französische Politikverständnis von 1789 sah den
Parteiengedanken im Nachklang der französischen Revolution und dem Sturz von Louis XVI und
seiner Adelskaste allenfalls als zu duldendes Übel. Der Jakobinerclub - eine Art Vorläufer einer Partei
- war zunächst nur ein Ort freier Diskussion, und was ihn dann mutieren ließ, war kein schicksalhafter
Mechanismus: Einzig der Druck des Krieges und der Guillotine machten aus ihm eine totalitäre Partei.
In den Anmerkungen zum Buch ist zu lesen: "Der Begriff der Partei wurde im früheren Mittelalter aus
dem Lateinischen 'pars' ins Italienische, Französische und Deutsche übernommen und seit dem 18.
Jahrhundert auf politische Gruppierungen und parlamentarische Organe bezogen." Zunächst
dominierten negative Konnotationen; vor allem die jeweiligen Gegner wurden als Parteien diffamiert,
und zunehmend wurden dann große Gruppen jeweils als Parteien bezeichnet. Weil findet drei
wesentliche Merkmale einer Partei, die man erkennen sollte, um sie (die Partei) nach den Kriterien der
Wahrheit, der Gerechtigkeit und des Gemeinwohls einzuschätzen.

1. Eine politische Partei ist eine Maschine zur Fabrikation kollektiver Leidenschaft.

2. Eine politische Partei ist eine Organisation, die so kontruiert ist, daß sie kollektiven Druck auf das
Denken jedes Menschen ausübt, der ihr angehört.

3. Der erste und genaugenommen einzige Zweck jeder politischen Partei ist ihr eigenes Wachstum, und
dies ohne jede Grenze.

Aufgrund dieser drei Merkmale sei jede politische Partei im Keim und Streben per se totalitär. Wenn
sie nicht so erscheine, dann nur, weil die anderen Parteien um sie herum es nicht weniger sind als sie.
Diese drei Merkmale seien Tatsachenwahrheiten für jeden, der dem Leben der Parteien
nähergekommen ist.

Könnte dem widersprochen werden?

Sie findet auch schöne Beschreibungen für die einer Partei innewohnenden Widersprüche: "Wenn ein
Mensch sehr komplexe Rechenoperationen anstellt und dabei weiß, daß er jedes Mal ausgepeitscht
wird, wenn er ein Ergebnis mit geraden Zahlen erhält, ist seine Lage äußerst schwierig. Irgend etwas im
leiblichen Teil der Seele wird ihn dazu bringen, bei den Berechnungen ein wenig nachzuhelfen, um
stets ein ungerades Ergebnis zu erhalten. Mit dem Willen zu reagieren, findet er womöglich sogar dort
eine gerade Zahl, wo keine hingehört." Sinngemäß fährt Frau Weil fort:

{Bei seinem Schwanken, in das er verstrickt ist, muß natürlich seine Aufmerksamkeit nachlassen.
Werden die Berechnungen zu "komplex", so daß äußerste Aufmerksamkeit nötig wird, muß er sich
vielmals "irren". Dabei hilft ihm nicht einmal, daß er einen hohen Intelligenz-Quotienten vorweisen
kann, auch Mut ist wenig hilfreich, ebenso wie die Sorge um Wahrheit. "Was soll er tun?" Weil meint,
daß das einfach sei. Für den Fall, daß er den Individuen entkommen kann, welche die Peitsche als
Drohung gebrauchen, muß er sich eben davonmachen, also fliehen. Weiter Frau Weil: "Hat er
vermeiden können, ihnen in die Hände zu fallen, hat er es vermeiden müssen." Bei den politischen
Parteien ist das eben nicht anders. Dazu Weil:}

"Wenn es in einem Land Parteien gibt, entsteht früher oder später eine Sachlage, in der es unmöglich
ist, wirksam auf die öffentlichen Angelegenheiten Einfluß zu nehmen, ohne in eine Partei einzutreten
und das Spiel mitzuspielen. Die Parteien sind ein fabelhafter Mechanismus, der bewirkt, daß über ein
ganzes Land hinweg nicht ein einziger Geist seine Aufmerksamkeit der Anstrengung widmet, in den
öffentlichen Angelegenheiten das Gute, die Gerechtigkeit, die Wahrheit zu erkennen."

{Die Autorin sagt uns, daß in solchen Fällen "nur Maßnahmen beschlossen und durchgeführt werden,
die dem Gemeinwohl, der Gerechtigkeit und der Wahrheit entgegenstehen". Wenige zufällige
Ausnahmen bestätigen die Regel! Ganz richtig sieht sie es, wenn sie meint, würde man den Betrieb
"öffentliches Leben" dem "Teufel" übertragen, dieser könnte sich "nichts Tückischeres" ausdenken.}

Anhand des Beispiels 'Kirche’ beschreibt sie sogleich eine weitere Problematik, die genauso wie beim
Beitritt zu einer Partei immanent wird:

"... oder ein Konvertit, der in die Kirche eintritt, oder ein Gläubiger, der nach reiflicher Überlegung
beschließt, in ihr zu bleiben - hat im Dogma Wahres und Gutes erblickt. Doch mit dem Überschreiten
der Schwelle bekennt er zugleich, daß er alle sogenannten strengen Glaubensartikel durchweg
akzeptiert."

{Natürlich hat der Gläubige die Glaubensartikel nicht nachgefragt. Schließlich würde ein ganzes Leben
nicht ausreichen, selbst bei höchster Bildung nicht, denn eine präzise Untersuchung aller historischen
Gegebenheiten sind unmöglich. Aber wie kann man dann all dem zustimmen, wenn man keine
vollständige Kenntnis hat? Quintessenz:} "Man braucht sich nur bedingungslos der Autorität zu
unterwerfen, von der sie ausgehen."

Die Schrift von Simone Weil ist voll von klarsichtigen und intelligenten Einschätzungen und
Schlußfolgerungen dieser Art und kann uneingeschränkt jedem empfohlen werden, der sich einmal im
Leben mit dem Begriff und dem Konstrukt "Partei" (oder "Kirche"!) näher beschäftigen möchte.
Hieraus kann schnell die Befreiung erwachsen, daß die weitere Beschäftigung mit der logisch sich
ergebenden Frage 'brauchen wir nicht doch die Parteien', wirklich reine
Zeitverschwendung ist.

Frank Amann

* *

http://www.zeitreport.de
www.d-perspektive.de
*
Anmerkung: Zwischen die Zeichen {...} gesetzte Passagen stammen vom Seitenbetreiber, die
sinngemäß dem Original entsprechen.
===========================================================
Abgeschlossen am 24. Oktober 2011.
===========================================================

Seitenanfang - Hauptseite - Kontakt.

===================================================================
Vielen Dank für den Besuch der Homepage. Bitte weiterempfehlen und wieder
reinschauen. In unregelmäßigen Abständen kommen neue Beiträge hinzu. Anregungen,
Kritik und Beiträge sind willkommen. Bei Leser-Briefen setze ich die Erlaubnis
zur Veröffentlichung voraus, wenn nichts anderes angegeben wird.
A C H T U N G ! A C H T U N G ! A C H T U N G ! ! Um den Suchrobotern im Netz
das Auffinden von ePost-Adressen möglichst zu erschweren, verwende ich in
allen eBrief-Anschriften anstelle des @ die Zeichenfolge (A)
Ich verweise ausdrücklich auf den Haftungsausschluss und die Bekanntmachungen
gleich am Anfang meiner Hauptseite hin, gültig für alle von mir veröffentlichten
Weltnetz-Seiten. Viele Grüße von Karl-Heinz.Heubaum(A)t-online.de