W I D E R H A L L - Nr. 64
S e p t e m b e r / O k t o b e r ~ 2 0 1 1 .
Ein privates Weltnetz-Magazin aus Deutschland.
Guten Tag wünscht Karl-Heinz.Heubaum(A)t-online.de
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Unmenschliches Folterland -
Südtirol vor 50 Jahren.


Einleitung Seitenbetreiber: Bereits Mitte 2008 habe ich im
WIDERHALL Nr. 44 daran erinnert, daß es für die Rest-BRD
Probleme gibt, die praktisch in Vergessenheit geraten sind.
Fragen Sie mal heute irgend einen Schüler (auch in den Gym-
nasien) was er über Tirol weiß und da wieder speziell Süd-
tirol. Es wird höchstens zu erfahren sein, daß es ein schö-
nes Urlaubsland ist, in dessen Dolomiten im Winter gut Ski-
fahren ist und im Sommer prima Bergsteigen.

2008 ging es um den 90. Jahrestag der Dreiteilung Tirols. Nach
dem 1. Weltkrieg wurde Süd- und Osttirol Italien zugeschlagen.
Das Gebiet nördlich des Alpenhauptkammes, des Brenners also,
verblieb bei Österreich. Als Adolf Hitler Österreich "heim
ins Reich" geholt hatte, stiegen die Erwartungen der deut-
schen Menschen in Südtirol auf eine Wiedervereinigung mit
dem nördlichen Landesteil steil an. Um so größer war die
Enttäuschung der deutschen Südtiroler, als Hitler um der
Freundschaft mit Italien willen, auf Südtirol zugunsten
Italiens verzichtete. Einer seiner Kardinalfehler, was hier
einmal festgestellt sei. Ja, der "Führer" ging sogar soweit,
mit Mussolini, dem italienischen Diktator, am 23. 6. 1939
ein Umsiedlungsabkommen zu vereinbaren. Bis 1942 wurden
von 247.000 berechtigten Deutschen 75.000 Personen ins
Deutsche Reich umgesiedelt, von denen angeblich nach dem
2. Weltkrieg ein Drittel in die alte Heimat Südtirol zu-
rückgekehrt sei. Nach dem 2. Weltkrieg hat Österreich ver-
geblich die Rückgabe der Provinz Bozen (Südtirol) gefordert.

In der Folgezeit gab es Verträge zwischen Wien und Rom, in
denen den Südtirolern im Rahmen des italienischen Staates
vollständige Autonomie zugesprochen wurde. Aber es gab
Schwierigkeiten. Die Gleichstellung der deutschen Sprache
und die rechtliche Gleichstellung der Deutschen wurde im
inzwischen "italienisch überfremdeten" Südtirol eben nicht
gewährt. Abgesehen davon ist zu vermerken, daß das deutsche
Volk in Südtirol schon immer um seine Freiheit kämpfen mußte.
Unter anderem bereits während der Napoleon-Ära gab es im Unter-
grund die Freiheitskämpfer. Praktisch dauert dieser Freiheits-
kampf bis heute an. Damals wollte man nicht vom Franzosen-
Kaiser Napoleon unterdrückt werden, heute wehrt man sich
gegen die Italienisierung des Landes. Wobei sich die Südtiro-
ler auf sich allein gestellt sehen. Eine namhafte Unterstüt-
zung aus dem deutschen Norden gibt es nicht. Der Zynismus
eines der Politschranzen in Innsbruck gipfelt im Ausspruch:
"Was wollt ihr denn? Durch die EU sind wir doch längst
wiedervereinigt!"

Vor 50 Jahren gab es in Südtirol eine Aufstandswelle der
Ureinwohner gegen die "italienischen Besatzer". Als solche
wurden die Italiener eben empfunden! Der Aufstand mündete
in der sogenannten "Feuernacht" (*). An die vierzig Attentate
wurden gegen den italienischen Staat verübt, meistens durch
Sprengung von Hochspannungsmasten der Überland-Leitungen
im ganzen Land. Die italienische Polizei bzw. das Militär
konnte erst durch menschenrechtswidrige Folterungen Fahn-
dungserfolge erzielen. Diese systematischen Folterungen
werden im folgenden thematisiert. Karl-Heinz Heubaum.
-
(*) Feuernacht = Herz-Jesu-Nacht 1961 in der über 40 Hoch-
spannungsmasten im ganzen Land (Südtirol), viele im Bozner
Talkessel, gesprengt wurden. Ursprung des Feuertages: Ge-
löbnis der Tiroler an das Herz-Jesu um Hilfe gegen die ein-
fallenden Franzosen zu Napoleons Zeiten. Seither hoher kirch-
licher und weltlicher Gedenktag. Seit altersher werden an
diesem Tag Hunderte und mehr Bergfeuer abgebrannt und
Flammenschriften angebracht.

*


In diesem Jahr jährt sich die
sogenannte "Feuernacht" zum 50. Mal.


Dokumentation:

"'Ich bin seit dem Juli 1961 auf dem linken Auge fast blind', erzählt ein ehemaliges BAS-Mitglied (*1)
heute. Auch ihm wurde diese Behandlung zuteil. Die zwei Meter vor seinen Augen aufgestellten
Lampen trockneten ihm die Hornhaut des linken Auges aus. 'Seitdem sehe ich nur mehr einen weißen
Schleier.' Daß das rechte Auge gerettet wurde, verdankt er dem Umstand, daß während der -zig
Verhöre, denen er unterzogen wurde, die rechte Lampe ausgeschaltet wurde." Christoph Franceschini:
"30 Jahre Feuernacht: Unsere Waffe ist der Sprengstoff und die Nacht", Folge III, "FF"-Magazin
26/91, S. 44.)

(*1) = BAS = "Befreiungsausschuß Südtirol", die Organisation, die die Anschläge 1961 initiierte.


2011: Leugnung der Tatsachen.


Der mit den Stimmen der Südtiroler Volkspartei (SVP) zum Südtiroler Landtagspräsidenten bestellte
ehemalige Neofaschist und jetzige Landtagsabgeordnete der Berlusconi-Regierungspartei PdL., Mauro
Minniti, hatte noch im Jahre 2008 in seinem Buch "Martiri invisibili. Gli anni del terrorismo in Alto
Adige" ("Unsichtbare Märtyrer. Die Jahre des Terrorismus in Alto Adige") behauptet, Folterungen von
Südtiroler Häftlingen habe es nie gegeben. Diese Behauptung hatte er auf seiner Internetseite
wiederholt. Durch den mit deutschen Abgeordnetenstimmen zugeschanzten lukrativen Posten des
Landtagspräsidenten offenbar einsichtiger gemacht, hatte sich Mauro Minniti dann am 28. Juni 2011
im Südtiroler Landtag entschuldigt und erklärte, es gebe klare Beweise für die Mißhandlungen.

So weit, so gut.

Das empörte jedoch den Koordinator der Südtiroler Jugendorganisation des PDL (Berlusconi nahe
italienische Partei, in der Regierung), Alessandro Bertoldi. Dieser 17jährige Möchtegern-Politiker fand
die Entschuldigung seines erwachsenen Parteikollegen Minniti geradezu "ekelerregend" und erklärte
am 29. Juni 2011 auf seiner Internetseite http://aleberto.wordpress.com unter der Überschrift:

Bertoldi (PdL: "I terroristi sudtirolesi malmenati negli anni '60. se è vero, è stato troppo poko!"
"Bertoldi (PdL): 'Die in den 60er Jahren mißhandelten Südtiroler, wenn es war ist, dann ist es viel zu
wenig gewesen!'" Und: "In Anbetracht der Umstände und dessen, was die Terroristen in jenen Jahren
taten, waren die 'Folterungen', deren Opfer sie wurden, nur wenige und immer viel zu wenige. Dies
angesichts dessen, daß sie in der Folge und bis heute für das, was sie getan hatten, nicht gesühnt und
keinen einzigen Tag ihrer gerichtlichen Strafe im Gefängnis verbüßt haben."

Dazu ist eigentlich nicht viel zu sagen, außer daß Jung-Alessandros Eltern, die italienische Schule und
die italienische Publizistik in Südtirol in der Vermittlung der Zeitgeschichte phänomenal versagt und
das Feld üblen Propagandisten überlassen haben. Der junge Alessandro ist - mit Ausnahme seiner
Präpotenz - nämlich kein Einzelfall, wie die Auftritte zahlreicher junger Neofaschisten Südtirols
beweisen.


Bozner Justiz: Mithilfe eines Gummi-"Schmähungsparagrafen" und
mit Unterstützung der Staatsregierung gegen die Wahrheit.


Wesentlich schlimmer als das Fehlverhalten eines unreifen und wohl fehlinformierten Jugendlichen ist
jedoch das Verhalten des Bozner Staatsanwaltes Dr. Guido Rispoli, welcher beabsichtigt, mithilfe eines
Gummiparagrafen, des Artikels 290 des italienischen Strafgesetzbuches, gegen die
Landtagsabgeordneten Dr. Eva Klotz und Sven Knoll sowie gegen weitere Exponenten der Südtiroler
Partei "Süd-Tiroler Freiheit" vorzugehen. Nach dem Artikel 290 kann mit einer hohen Geldstrafe
belegt werden, wer "die Streitkräfte des Staates schmäht".

Grund: Die Südtiroler Freiheit hat mit diesem Plakat, auf welchem eine Carabinieri-Mütze neben einer
Blutlache abgebildet ist, an die Folterung wehrloser Häftlinge durch die Carabinieri nach der
Feuernacht erinnert.

Auch die bereits vom italienischen Justizminister Angelino Alfano und dem ehemaligen MSI-
Neofaschisten und jetzigen italienischen Verteidigungsminister Ignazio La Russa genehmigte und
gutgeheißene Aktion des Bozner Staatsanwaltes unterstellt, daß es keine Folterungen gegeben habe.

Um so wichtiger ist es, der Unwissenheit über die Zeitgeschichte "sine ira et studio" - ohne Zorn und
Eifer - gelassen mit der Vermittlung sachlicher Information entgegen zu treten.


F o l t e r u n g e n - Wie eine Lawine.


Nach der Feuernacht hatten die italienischen Fahnder zunächst ziellos im Nebel gestochert. Nach einem
gezielten Hinweis eines deutschen "Alto Adige"-Journalisten verhafteten die Carabinieri am 10. Juli
1961 den 39jährigen Franz Muther aus Laas im Vinschgau.


Was in der Carabinieri-Kaserne in Meran mit ihm geschah, hat er am 3. November 1961 in einem Brief an die
Landesleitung der Südtiroler Volkspartei geschildert. Hier ein Auszug aus Muthers Leidensbericht:

"Ich mußte die Hände hochhalten, dann schlug er mir mit einem Eisenstäbchen auf die Finger. Garzolla rief dann nach
einem gewissen Lungo, dies war ein großer kräftiger Mann, und gab ihm den Befehl mich abzuführen zur 'cura
speciale', wie er sich ausdrückte. Ich wurde wiederum in ein anderes Zimmere gebracht, mit dem Rücken gegen eine
Wand gestellt und von zwei kleinen Scheinwerfern, welche auf Augenhöhe, 80 cm, vor mir aufgestellt wurden,
angestrahlt.. Nach kurzer zeit, als meine Augen genügend geblendet waren, wurde ich in die Mitte das Zimmers
gezogen, um mich herum standen ungefähr 6 - 8 Mann in Zivilkleidung und einer in Uniform. Jener in Uniform ging
auf mich zu, verhöhnte, beschimpfte und bedrohte mich auf das schärfste, dann auf einmal, faßte er mich an die Brust,
riß mir das Hemd runter und zugleich Haare aus der Brust. Dann schlug er mit der Faust auf meine Schädeldecke los,
zugleich schlug der Lungo an die Seite meines Kopfes, besonders aufs linke Ohr, wo ich heute noch immer Schmerzen
habe und auch schlecht höre.

"Von anderen erhielt ich Fußtritte in den Unterleib, ich konnte nicht mehr sehen, mir wurde schwarz vor den Augen.
Nach einiger Zeit wurde ich wieder mit dem Rücken gegen eine Wand gestellt. Diesmal brachten sie einen großen
Scheinwerfer, welcher wieder auf Augenhöhe 60 - 80 cm vor mir aufgebaut wurde, ich mußte in die Mitte des
Lichtkegels schauen. Jedesmal, wenn mir vor Schmerz die Augen zufielen, erhielt ich Stöße in alle Körperteile,
besonders Fußtritte an den Schienbeinen, am rechten Bein sind heute noch die Narben zu sehen. Dieses Bein war
längere Zeit angeschwollen und ganz gelb. Diese Tortur vor dem gr. Scheinwerfer dauerte 5 - 6 Stunden
ununterbrochen, ich glaubte wahnsinnig zu werden.

"Meine Bitte um Wasser wurde höhnisch verneint. Als endlich der Scheinwerfer abgeschaltet wurde, glaubte ich, das
Augenlicht verloren zu haben, da ich einige Zeit nicht mehr sehen konnte. Ich war am ganzen Körper naß von
Schweiß, besonders am Kopf. Ich wurde in die Mitte des Zimmers auf einen Stuhl gebracht, es war eine fürchterliche
Zugluft, da Fenster und Türen offen waren. Gazolla drohte mir auch 20kg-Gewichte an die Geschlechtsteile hängen zu
lassen. Ein anderer sagte mir, jetzt würde man meine Frau holen, die wird man schon zum sprechen bringen. Es war
nicht mehr auszuhalten, der Gedanke, daß man jetzt auch noch eine unschuldige Frau auf solche Weise, wofür es für
einen zivilisierten Menschen keinen Ausdruck mehr gibt, verhört werden soll, war für mich furchtbar. Ja, zuzumuten
war es ihnen ohne weiteres, habe es doch am eigenen Leib erfahren, und wo nun endlich meine moralische Vernunft
versagt, der Haß überhand bekommt, dort beginnen die Wahnsinnstaten.

"Ich hatte auch ganz roten Urin, auch 2 - 3 Tage noch im Bozener Gefängnis, wo ich am Sonntag, den 17. Juni
eingeliefert wurde. Wegen Platzmangel möchte ich davon absehen, die Ausdrücke, welche man mir gegenüber, gegen
unsere Volksvertreter und das ganze Deutsche Volk gebrauchte, aufzuführen. Jedoch sei eines erwähnt, daß jeder in
Uniform mich anschrie, voi tutti porchi Crucki di Detedescki si dofrebe impicare." (Sinngemäß: "Euch deutsche
Schweine müßte man alle aufhängen.")"Ja, und dies alles in einer Zeit, wo man an ein vereintes Europa denkt. In
diesem Sinn habe ich auch Anfang Oktober eine Anzeige wegen Mißhandlung an die Staatsanwaltschaft in Bozen
gemacht.

"Nachdem ich aber bis heute nichts davon gehöret habe, befürchte ich, daß man alles vertuschen will. Nachdem ich
seelisch, moralisch und körperlich vollkommen zerschlagen war, kann ich mich nicht mehr erinnern, was ich bei der
Carabinieri, so wie auch beim Staatsanwalt Dr. Castellano aussagte und unterschrieb. Die hier angeführten
Mißhandlungen entsprechen voll und ganz der Wahrheit. Ich möchte Sie aufrichtig bitten, daß sie alles daransetzen,
um weitere solche am Südtiroler-Volk zu vermeiden."

"Es zeichnet hochachtungsvoll
Franz Muther, Laas"

(Wiedergabe des Originalbriefes, SVP-Archivalien, Landesarchiv Bozen.)

*

Muthers Mitgefangener Luis Steinegger berichtete später: "Noch zwei Monate nach seiner Folterung floß Blut und
Eiter aus seinen Ohren." (Schützenkompanie Laas [Hrsg.]: "Laaser Schützenbuch". Auer 2001, S 201.)

*

Als Muthers Frau Hanna ihn im Gefängnis besuchen durfte, nahm sie einen Sack Wäsche aus dem Gefängnis zum
Waschen nach Hause mit. Was sie sehen mußte, als sie die Wäsche auspackte, schildert Wilfried, der Sohn ihrer
Schwester Berta: "Auf der Brustseite war ein großer dunkler Fleck Blut. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, sie setzte
sich und schluchzte. Nun wußten wir, was gemunkelt wurde. Es wurde geschlagen" (Bericht in: "Laaser
Schützenbuch", a.a.O., S. 195.) Als Franz Muther in Ketten zur Mailänder Gerichtsverhandlung gebracht wurde,
mußte er wollene Ohrenschützer tragen. Noch immer tat ihm jeder Luftzug weh. In Mailand wurde er am 16. Juli
1964 zu 9 Jahren und 5 Monaten Kerker verurteilt.

*


Der premierte Arbeitseifer der Folterer.


Muthers Folterer erhielten keine Strafe, sie erhielten am 22. Jänner 1962 im Hauptquartier der Carabinieri-Legion in
Bozen durch den Carabinieri-General Giovanni Celi "feierliche Belobigungen" und Geldprämien, weil sie sich "durch
ihren Geist der Initiative, der Arbeitsamkeit umd der Fähigkeit ausgezeichnet hahen." ("L' Adige", Trient, 23. Jänner
1962.)

* * *


W I E ~ E I N E ~ L A W I N E . . .


Es blieb aber nicht bei der Folterung Franz Muthers. Nachdem die Folterer ihm die Namen von Mitverschworenen
entrissen hatten, kamen die nächsten Südtiroler an die Reihe.

Sepp Mitterhofer aus Meran-Obermais erinnert sich:

Bild oben: Sepp Mitterhofer im Gefängnis von Trient in Haft (dort war er endlich sicher vor Folterungen) - und auf
dem Tiroler Laudesfestzug 2009 in Innsbruck.

"Damit nahm das Verhängnis seinen Lauf. .... Wie eine Lawine brach nun die Verhaftungswelle vom Vinschgau
herunter, durchs Etschtal hinunter bis Salurn, Hinaus ins Eisack- und Pustertal über uns herein. Franz Muther wurde
nach seiner Verhaftung so brutal, daß ich ihn kaum wiedererkannte, als er mir nach meiner Verhaftung gegenüber
gestellt wurde. .... Am 15. Juli gegen Abend wurde ich abgeholt.... Als wir im Hof der Kaserne ankamen, bekam ich
vom Schläger einen Fußtritt, daß ich durch die Tür ins Haus hineinflog. Die folgenden Tage und Nächte waren
grausam: 60 Stunden ohne Essen, Trinken und Schlaf. Die meiste Zeit in Habt-acht-Stellung und zeitweise mit
erhobenen Händen. Ließen wir die Arme aus Erschöpfung sinken, wurde sofort mit dem Gewehrkolben auf uns
eingeschlagen. Dazwischen wurden wir einzeln zur Sonderbehandlung in einen geschlossenen Raum gebracht. Das
Radio wurde auf volle Lautstärke aufgedreht. Damit die Schreie der Gefolterten nicht nach außen drangen.

"Wenn man in diesem Augenblick so allein und verlassen, zum Teil nackt 8 - 10 Carabinieri gegenüberstand, die einen
aufs Übelste verhöhnten und schlugen, wie einen Spielball im Raum hin- und herstießen, die Haare ausrissen, oder mit
voller Bekleidung bei der damaligen Sommerhitze stundenlang vor der Quarzlampe stellten, bis man fast erblindet war
und das Hemd durch Schweiß am Körper klebte, dann kam man sich vor wie ein armseliger, elender Wurm, auf dem
die halbe Menschheit herum trampelt.

"Sie hatten es verstanden, uns körperlich zu quälen, durch die Folterungen die Menschenwürde zu schänden, durch die
Verhöhnungen uns seelisch fertig zu machen und durch die ausgefallensten Methoden den Willen zu brechen. Dazu
gehörte auch die berüchtigte 'casetta' kombiniert mit dem Einschütten von Säure in den Mund, die Behandlung mit
Strom, das Anhängen von Gewichten an den Geschlechtsteilen, das Einstreichen von Menschenkot in den Mund, um
nur einige zu nennen.... Das Schlimmste war fast der Durst; es herrschte eine unvorstellbare Hitze und wir durften die
Jacken nicht ausziehen. Vor meinen Augen ließen sie das Wasser von der Flasche in den Becher plätschern und
lockten damit, ohne daß ich jedoch auch nur einen Tropfen erhielt.

"Am zweiten Tag gab ich eine Sprengung zu, am dritten Tag zeigte ich ihnen mein Sprengstoffversteck und die
Pistole. Ich erinnere mich noch gut: Wir fuhren im Auto zu meinem Haus, ich war mit Handschellen gefesselt,
umgeben von drei Begleitern die die entsicherten Pistolen in den Händen hielten. Am hinteren Hauseingang
begegneten wir meinen 77jährigen Vater. Als er mich in diesem Zustand sah, lehnte er sich an die Wand und fing an zu
weinen; dieser Anblick hat mir fast das Herz zerrissen. Zum Glück war meine schwangere Frau mit unserem
zweijährigen Sohn nicht zu Hause, so hat sie mich in diesem armseligen Zustand nicht gesehen. Im Hausinneren
angekommen, sagte Hauptmann Marzollo, der Chef der Spezialeinheit, die die Verhöre durchführte: 'Dieses schöne
Gewölbe und das Haus; ich kann nicht verstehen, wieso ein junger Bauer mit Frau und Kind solche Sachen macht.'

"Er hatte nicht im Geringsten begriffen worum wir kämpften. Daß wir gegen die Unterdrückung, gegen die
Fremdbestimmung kämpfen. Daß wir aufgestanden waren, um unser Volkstum zu verteidigen und für die Freiheit
unseres Landes zu kämpfen. Es ist in diesem Rahmen nicht möglich, alles zu schildern, was in den Kasernen von
Meran, Eppan, Neumarkt und Brixen an Grausamkeit geschehen ist. Es fällt mir heute, so viele Jahre später, noch
immer schwer, über jene schrecklichen Augenblicke zu sprechen. ...

"Die diensthabenden Wachen belauschten uns zwar mit Augen und Ohren, aber da sie nur wenig deutsch verstanden,
wurde doch so manches Geheimnis besprochen.... Nach mehreren Wochen gelang es mir, eine Zusammenfassung der
Mißhandlungen vom mit mir inhaftierten Dr. Josef Sullmann hinauszuschmuggeln. Beim Besuch durfte mir meine Frau
meinen zweijährigen Sohn über den Besuchertisch herüberreichen. Für Kinder hatten die Wachen ein weiches Herz.
Der Bub hatte ein Mäntelchen mit einer Kaputze an, dort steckte ich den Brief während ich ihn liebbkoste, hinein und
reichte ihn anschließend wieder über den Tisch zurück." [Wiedergegeben in: Schützenkompanie "Sepp Kerschbaumer"
Eppan (Hrsg.): "...grüß mir die Heimat, die ich mehr als mein Leben geliebt", Erinnerungsschrift zum 30. Todestag
von Sepp Kerschbaumer und Luis Amplatz, Eppan 1994, S. 15 ff]

Der herausgeschmuggelte Bericht des inhaftierten Ultener Gemeindearztes Dr.Sullmann wurde in Österreich von der
"Kronen-Zeitung" veröffentlicht und machte so die Folterungen einer breiten österreichischen Öffentlichkeit bekannt:

Muther und Mitterhofer waren aber nicht die Einzigen, die im Juli 1961 Schreckliches erdulden mußten:

Am 13. Juli 1961 wurde Jörg Pircher aus Lana verhaftet, als seine Frau ihn im Gefängnis besuchen wollte, ließ man sie
nicht zu ihm, gab ihr aber seine Wäsche, die voll mit getrocknetem Blut war, zum Waschen mit. Ebenfalls am 13. Juli
1961 holten die Häscher Engelbert Angerer aus Laas, der - unter der Folter dem Wahnsinn nahe - seine Peiniger
anflehte, ihn zu erschießen.

In einem aus dem Gefängnis hinaus geschmuggelten Brief an die Südtiroler Volkspartei schilderte Angerer am 13.
Oktober 1961, daß er immer noch Schmerzen und Blut im Urin habe und daß die Zeichen der Schläge noch sichtbar
seien. Dieser Brief verschwand wie so viele andere auf Weisung Magnagos im Archiv der SVP und wurde nie der
Öffentlichkeit übergeben.

In diesen Tagen wurden auch Paul Zangerle aus Eyrs, Franz Tappeiner aus Laas, Josef Fabi aus Burgeis, Josef
Tschenett aus Lichtenberg, Johann Oberhofer aus Goldrain, Eduard Tanzer aus Laas, Siegfried Graf aus Prad, Martin
Koch und Alfons Obermair aus Bozen, Luis Gutmann, Dermann Koßer, Viktor Thaler und Luis Steinegger aus
Tramin, Walter Gruber aus Niederlana, Josef Anegg, Josef Orian, Dermann Anrather und Adolf Pomella aus
Kurtatsch, Sepp Innerhofer aus Schenna, Norbert Gallmetzer aus Kaltern, Franz und Paul Gamper aus Vahrn,
Engelbert Gostner aus St. Leonhard bei Brixen und Georg Lanz aus Terlan sowie eine Reihe weiterer Südtiroler
verhaftet und schwer gefoltert.

Anton Gostner aus St. Leonhard bei Brixen, der bereits seit Mai in Haft war, wurde wieder zu den Carabinieri
überstellt und gefoltert. Er sollte an den Folgen der Mißhandlungen sterben. Auch Franz Dößer aus Lana sollte die
Folgen seiner Mißhandlungen nicht überleben und in der Haft sterben.

Von ihnen allen liegen im Südtiroler Landesarchiv detaillierte Folterberichte vor.

Am 15. Juli 1961 war auch der Kopf und Gründer des "Befreiungsausschusses Südtirol", Sepp Kerschbaumer aus
Frangart an der Reihe.

Er berichtete bereits am 1. September 1961 in einem Brief an den Südtiroler Landeshauptmann Magnago, daß er mit
Faustschlägen traktiert worden sei und bis zu 16 Stunden mit erhobenen Händen habe stehen müssen. Was er bei
anderen Kameraden gesehen habe, sein einfach furchtbar gewesen. Drei von ihnen habe er gar nicht mehr erkannt.

"Was ich bei anderen Kameraden sehen mußte, war einfach furchtbar. In 3 Fällen hatte ich die betreffenden einfach
nicht mehr erkannt, und erkannte sie erst wieder, als sie mir ihren Namen sagten. Das solange Stehen - Hände hoch,
die vielen Schläge, zum Teil mit einem Eisen, Fußtritte in die Schienbeine und dergleichen alle diese Mißhandlungen,
machten viele Kameraden unkenntlich. Was die bekannte 'casetta' betraf, so wurde der betreffende mit nacktem
Körper auf dem Rücken liegend (die Kiste war zirka 40 x 60 mit dem offenen Teil obenauf) auf die Kiste gelegt, was
an sich schon schmerzlich sein muß, und wurde ihnen dann noch Salzwasser oder weiß Gott was das war
eingeschüttet.

"Was ich selbst oft erlebte, war das ausgesprochen gemeine Verhalten in bezug auf das, was einem an Gemeinheiten
und Vorwürfen ins Gesicht geschleudert wurde und dies alles geschah im Namen der Freiheit und der Demokratie.
"Mit den besten Grüßen Sepp Kerschbaumer."

(Aus dem Originalbrief zitiert. SVP-Archivalien, Landesarchiv Bozen.)

* * * * * *


Die unten beschriebene Buch-Dokumentation bekommen Sie in jeder guten Buchhandlung oder über den Verlag:
www.suedtiroler-zeitgeschichte.com / info(A)suedtiroler-zeitgeschte.com


Für die Heimat kein Opfer zu schwer.

- So wurden Freiheitskämpfer gefoltert.
- So wurden die Folterungen verschwiegen.
- wurden die Folterungen zum politischen Tauschgeschäft.
- Geldprämien und Auszeichnungen für Folterknechte.
- Mord und versuchter Menschenraub.

Aus dem Vorwort:

"Möge die vorliegende Dokumentation über die Folterungen an unseren politischen Häftlingen, begleitet von
authentischen Hintergrundinformationen, vor allem unserer jüngeren Generation nicht nur das Leid und die Opfer in
Erinnerung rufen, sondern auch das Bewußtsein vermitteln, daß der Erhalt einer lebenswerten Heimat Wachsamkeit
und beständigen Einsatz von uns allen erfordert!"

So Dr. Bruno Hosp. Landesrat a.D. der Südtiroler Landesregierung

*

Kurze Buchbesprechung:

Helmut Golowitsch

FÜR DIE HEIMAT KEIN OPFER ZU SCHWER

Folter - Tod - Erniedrigung: Südtirol 1961 - 1969.

Diese sensationelle Dokumentation schildert das Schicksal der Südtiroler Freiheitskämpfer, die in den 1960er Jahren
durch ihre Anschläge das Schicksal Südtirols zum Besseren gewendet hatten und - in die Hand der Carabnieri geraten
- Schreckliches durchmachen mußten. Erstmals werden die Folterberichte in ihrer Originalfassung wiedergegeben,
darunter auch Briefe von Sepp Kerschbaumer, dem charismatischen Anführer der Erhebung. Bisher geheim gehaltene
Dokumente belegen, daß die offizielle Politik auf österreichischer und Südtiroler Seite Folterbriefe unterdrückt hatte,
um sie politische Tauschgeschäfte verwenden zu können. Auch diese dunkle Seite der Geschichte wird erstmals an das
Licht des Tages gebracht. Eine späte und notwendige Würdigung der damals Handelnden.

*
Quelle: Landeseinheit(A)gmx.net
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Abgeschlossen 19. September 2011.
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